Nora und Ich

by sianapoetry

Ich knie auf dem schachbrettgemusterten Fliesenboden in Noras Badezimmer und entledige mich der 8 Flaschen Bier mit denen ich die letzte Stunde verbracht hatte. Nora sitzt neben mir. Ihre Hand liegt auf meinem Rücken und sie flüstert immer wieder: „Alles wird gut. sch-sch. Alles wird wieder gut werden, du wirst sehen.“ Mein Magen zieht sich krampfhaft zusammen, in der Hoffnung noch mehr aus sich her raus zu pressen. Doch mein Bauch ist leer und ich schmecke nur den ekelhaften Geschmack meiner Magensäure auf der Zunge.

Ich lehne mich zurück und wische eine Träne von meiner Nasenspitze. Nora sieht mich an.

„Wasser?“.

Ich nicke. Sie beugt sich über mich, greift nach einer Bierdose und füllt sie mit Wasser auf.

Ich greife danach und  presse mir das kalte Metal an die Unterlippe. Kleine weiße Lichter tanzen durch meinen Kopf und ich kann mich nicht konzentrieren. Mein Blickfeld verschwimmt, ich hebe die Dose und Wasser rinnt in meinen Mund, über mein Kinn und meinen Hals hinunter. Noch einen Schluck. Und noch einen. Ich spüre, wie das Wasser gurgelnd meine Magenwände hinauf schwappt. Nora nimmt mir die Dose weg und wischt mir mit einem Handtuch quer übers Gesicht. Sie nuschelt irgendetwas Unverständliches und steht auf. Ich blicke sie an und versteh was sie will. Ihre schmale Hand streckt sich mir entgegen und ich ergreife sie. Mit einem Ruck steh ich wieder auf den Beinen und Nora zieht mich durch den dunklen Vorraum in ihr Zimmer. Sie sagt ich soll mich aufs Bett legen während sie noch etwas holen geht. Die Tür schließt sich hinter ihr und ich setze mich mit einem gribbligen Gefühl im Bauch auf das Doppelbett. Ich lehne mich zurück, schließe die Augen und stelle mir vor ich wäre wieder zu hause, bei Mam und Gloria. Ich stelle mir vor wie ich am Fensterbrett sitze, Gloria am Schoß, wie ihr rotes Fell in der Sonne glänzt und wie sie sich an mich schmiegt. Ich frage mich zum tausendsten mal was passiert wären, wäre ich nicht weggegangen, wäre ich nicht ins ‚Rush’ gegangen und hätte ich nicht Nora kennen gelernt. Was wäre passiert wenn wir nicht mit diesem Typen mitgegangen wären, nicht die Nacht in diesem schäbigen Hotel geblieben wären und was passiert wäre wenn ich nicht das weiße Zeug durch meine Nase geschnupft hätte. Ich denke wieder an Mam, wie mich ihre besorgten Augen musterten. „Es wird nichts passieren, jetzt mach dir keine Sorgen.“, hallten meine eigenen Worte in meinem Kopf wieder. „Es wird nichts passieren..“

Ein leisen knarren lässt mich aus meinen Gedanken hochschrecken. Ich öffnet die Augen und bemerke Noras dunkle Silhouette die sich neben mich legt.

„Hey.“, flüstere ich, fast unhörbar.

Ihr Finger streicht über meine Wange und ein geflüstertes „Hey.“  kommt aus der Richtung wo wohl ihr Mund sein muss.

„Wo warst du?“, frage ich leise.

Nora zieht eine dicke Wolldecke aufs Bett und zieht sie mir über die Schultern, die in den letzten Monaten viel zu schmal geworden sind. Sie drückte schwer auf meinen Körper und kratzte über meine nackte Haut.

„Danke.“

„Hm.. schon okay.“, Nora drückt mir ihre trockenen Lippen auf die Stirn und rollt sich zur Wand. Ich betrachte ihren Rücken, die gerade Linie ihrer Wirbelsäule. Ihre dürre Gestallt wirft einen grauen Schatten auf das Bett. Ich bemerke wie sie zittert und packe die Decke, werfe sie über ihre Schultern.

„Lass das!“, zischt sie und der kleine Deckenzipfel fliegt mir entgegen.

„Du wirst noch krepieren in dieser Kälte.“, sage ich laut.

Nora antwortet nicht.

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