Sïana Poetry

Kein Gesetz verbietet Phantasie

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Abend Haiku

Der Tag zieht vorbei
Warten auf die Explosion
Die letzte Stunde

Mitternachts Haiku

Heute tut es weh
Wenn ich in den Spiegel schau’
Kein Laut nur Tränen

Edelezi

Seit ich mich erinnern kann, habe ich mich jedes Jahr an meinem Geburtstag gefragt, wer ich wohl mit 15 Jahren sein werde. Was werde ich getan haben, welche Entscheidungen hätten mich reicher und ärmer gemacht und was für Menschen wäre ich begegnet.
Als ich 15 wurde habe ich mich gefragt, wer werde ich wohl mit 20 Jahren sein. Was werde ich getan haben, welche Entscheidungen hätten mich reicher und ärmer gemacht und was für Menschen wäre ich begegnet.
Jetzt wo ich zwanzig bin und die Erinnerungen an damalige Vorstellungen immer noch ein meinem Geist tänzeln, weiß ich, dass alles anders gekommen ist, als ich es mir ausgemalt habe.
Ich war wohl kein typisches Teeniegirly als ich mir damals keinen Märchenprinzen an meiner Seite vorstellte, sondern war eher rationale Realtiätsvernatikerin, die sich eher ausmalen konnte durch die Weltgeschichte zu vögeln und jede Nationalität einmal gekostet zu haben.
Wenn ich auf diese Vorstellung zurück blicke, wünschte ich mir es wäre anders gekommen und frage mich ob der Mensch im Spiegel der ist, den ich zu verkörpern glaube oder ob ich mich selbst nur belüge und mir selbst vorgaukle jemand zu sein, der ich sehr gerne wäre, aber wohl niemals gewesen bin.
Wenn ich zurück blicke und neben mir im Spiegel mein 15 jähriges Ich erscheint und mich enttäuscht anblickt muss ich es leider auf die 25 vertrösten und mich für unser bisherig langweiliges Leben entschuldigen.

Manchmal frage ich mich, wie ein Mensch von dem du noch nie gehört hast, dein Leben mit einem einzigen Text so ruckartig in deine Kindheit zerren kannst, dass du selbst nicht anders kannst als zu lachen und weinen, zu selben Zeit und dich dann stutzig umsiehst und denkst “Das ist es also?”

Wir haben Raketen geangelt von Karen Köhler ist wohl so ein Magnet mit Reißkraft.
“Gleich am ersten Tag hatte ich dir gesagt, du sollst dich nicht in mich verlieben. Und als du’s doch getan hast, hab ich dir eine Ohrfeige verpasst.”
“Mein Geburtstag ist immer im Winter. Jedes Jahr. Das find ich nicht gut. Weil ich mir stets ein großes Fest mit allen Freunden im Park wünsche oder an einem See mit Feuer und draußen schlafen und allem. Letztes Jahr im Sommer hast du bei mir geklingelt, mich zum Baden überredet und mich auf die Vespa geschnallt. Vom Parkplatz bis zum Ufer hattest du mich über deiner Schulter und ich sang ein Kinderlied. Als dann da eine Festtafel am See stand, an der unsere Freunde saßen und alle Happy Birthday für mich sagen, wusste ich, dass du verrückt bist, und bin weggerannt. Was für ein Glück, dass du schneller bist als ich.”
“”Hände hoch!”, rief ich, als ich das Café überfallen habe, in dem du hinterm Tresen gearbeitet hast. Meine Agentenwasserpistole streng auf dich gerichtet. Du sahst deinen Chef an, der längst alle Finger in der Luft hatte, dann hast du gegrinst, das Handtuch hingelegt und langsam, verflucht langsam deine Hände in die Höhe gestreckt. “Das ist eine Entführung!”, sagte ich zu deinem Chef und zwinkerte ihm zu, fing deinen wirren Blick, drückte ab, traf deine Stirn und befahl dir, hinterm Tresen vorzukommen. Draußen verband ich dir die Augen, setzte dir einen Walkman auf und drehte dich vorm Café ein paar Mal im Kreis, damit du die Orientierung verlierst. Ich entführte dich im Zickzack zum Bahnhof und mit dem Zug dann ans Meer, wo wir am Abend ankamen.”

Sätze, Melodien und Gerüche.
Diese Dreisamkeit löst in mir das Gefühl von Kindheit aus.
Diese Dreisamkeit ist mein Ich-Gefühl, seit zwanzig Jahren.
Diese Dreisamkeit ist das was sich um mich legt, wenn die Melancholie mit leisem Flüstern an die Türe klopft.
Sätze, Melodien und Gerüche.

Und manchmal ist es auch die kühle des Herbstes, die mich fühlen lässt, als würde ich wieder nach Hause kommen. Nach einem langen Jahr. Dann denke ich an den Herbst meiner Kindheit, der die Sonnenblumenfelder langsam auffrisst und sich mit Nebelgeistern um das Haus legt, das nicht uns gehörte, sich aber wie Heimkommen angefühlt hatte. Ich sehe fallende Blätter die in unendlicher Zahl auf uns herunter sinken und die orangene Sonne, die unendlich nah auf mein Gesicht scheint. Mich heim ruft.

Wenn die Nacht den Morgen küsst

Diese Stunden sollen die meinen sein
Allein, fern von Trubel und Fleischbeschau
Einsam, ehern und kühl.
Und doch die meinen allein.

Gerade das Licht der ersten Stunden wärmt mir den Rücken und den Sinn.
Deinen gepflasterten Weg will ich gehen. Führung in die Freiheit, die mir gehört.

Eingesperrt im Gefängnis meines Fleisches habe ich eine grausame Erkenntnis erlangt: Liebe ist eine Krankheit, die Böse macht. Jeder tötet, was er liebt.

Abschiedsbrief

Du fehlst hier. Mir. Das ist das Drama des Alleinseins. Nachdenken und fühlen beginnen. Ich vermisse dich. Deine Anwesenheit und die Gewissheit, dass du da bist für mich. Ich wollte dich nicht aus meinem Leben streichen. Ich wollte noch Abschied nehmen. Es fühlt sich so leer an, wenn man plötzlich ganz alleine da steht. Bei dir auch? Ich hasse es, dass ich dich nicht anrufen kann, dir nicht erzählen kann, was passiert ist. Was alles passiert. ich wollte uns nicht einfach so umbringen. Und ich weiß nicht, was mich noch zusammenhält, wenn diese ungewollte Unbeständigkeit kommt und mich frisst. Ist es gut so, wie es ist? Ich glaube nicht, dass ich bereue. Aber ich vermisse dich so schmerzlich. Überall bist du. Aber wo bin ich geblieben? Wollte ich mich nicht selbst finden? Darüber hinweg habe ich uns beide verloren. Du warst so wichtig als fix vorhandenes Ding in meinem Leben. Was ist jetzt noch real. Niemand ist mehr da. Alle weg. Und wenn ich das Alleinsein spüre explodiert alles. Nur noch Wasser. Ich bin nur noch Wasser

Lassen mit Erich Fried

Ich lasse dich
Lasse dich aus, nachdem du mich losgelassen hast
Was ich zugelassen habe.
Weil du mich verlassen hast.
Und es dabei belassen hast.
Ich lasse dich
Verlasse dich, nachdem du mich aus deinem leben weggelassen hast.
Was ich zugelassen habe
Weil du losgelassen hast.
Und es dabei belassen hast.
Wir lassen aus
los
weg
an
Aber nicht zu

Will

Wenn ich dich ansehe bin ich mordlüstern. Wenn ich dich ansehe bin ich geil auf Schmerzen. Wenn ich dich ansehe will ich ganz ich sein und meinen Körper spalten. Ich will meinen Geist verspritzen, an Wände und in dein Gesicht. Wen ich dich ansehe und die Dunkelheit in mir ist, will ich mich dir öffnen und ganz ich sein.
Wenn ich dich ansehe will ich du werden. Will ich mit dir eins sein, will ich in deinem Rhythmus atmen und Schweigen über uns breiten. Wenn ich dich ansehe will ich die Wände um uns enger ziehen. Will ich so nah bei dir sein, dass wir eins werden. Wenn ich dich ansehe und vor dir sitzt will ich alles sein für dich. Ich will alles und einzig sein. Dein einziges Begehren. Alles bin ich. Ich bin Ektase. Ich bin Ende. Ich bin Anfang. Alles bin ich.
Und der Aufprall lässt uns verschmelzen.
Wenn ich dich ansehe ist alles Schmerz. Ja, es schmerzt dieses Glück.

Ende

Sie sitzen auf den Stiegen und schauen in den Sonnenuntergang, der blutig vom Himmel tropft. Die Stille dröhnt in den Gehörgängen und vertreibt die Erinnerung an dumpfe Abschiedsworte. Ihre Hände liegen neben einander auf dem kalten Stein, bedürftig nach Berührung, süchtig nach Wärme und sich doch der Anwesenheit des Anderen nicht bewusst.

Noir desire

Noir desire

Das weckt Sehnsüchte nach Freiheit

Nennt mich Antichrist

Ihr nackter Leichnam liegt vor mir, noch warm von der Hetzjagd durch das schwarze Stiegenhaus. Es ist warum, obwohl es erst Anfang März ist. Ihr graues Gesicht glänzt matt im Kerzenschein und wirft meinem Blick eine grausige Grimasse aus Schmerz und Entsetzen entgegen. Der Mund ist leicht geöffnet, wenn ich meinen Finger zwischen ihre Lippen schieben würde, wäre es, als würde ich in den Mund eines Neugeborenen fassen. Die Zähne liegen auf einem Haufen neben ihrem Kopf. Die Fünfer haben gefehlt, Weisheitszähne hatte sie auch noch nicht. Wie alt war sie? Sechzehn? Höchstens siebzehn.

Nicht hat mich jemals mehr interessiert als der menschliche Körper. Seine Reaktionen, Reflexe der dumpfe Instinkt des Überlebens. Der röchelnde Atemn, der durch zugedrückte Luftröhren rasselt. Das stockende Geräusch, wann man locker lasst und dann mit aller Kraft wieder zudrückt. Haut aus Fingern und Handrücken aufschneiden und die weißen Sehnenbündel neben dem Muskelgewebe liegen sehen. Zu beobachten, wie die Finger zucken, wenn man seine Nägel in die Muskelstränge gräbt.
Nichts ist schöner als das Gefühl von Macht über einen anderen Körper.