Sïana Poetry

Kein Gesetz verbietet Phantasie

Nennt mich Antichrist

Ihr nackter Leichnam liegt vor mir, noch warm von der Hetzjagd durch das schwarze Stiegenhaus. Es ist warum, obwohl es erst Anfang März ist. Ihr graues Gesicht glänzt matt im Kerzenschein und wirft meinem Blick eine grausige Grimasse aus Schmerz und Entsetzen entgegen. Der Mund ist leicht geöffnet, wenn ich meinen Finger zwischen ihre Lippen schieben würde, wäre es, als würde ich in den Mund eines Neugeborenen fassen. Die Zähne liegen auf einem Haufen neben ihrem Kopf. Die Fünfer haben gefehlt, Weisheitszähne hatte sie auch noch nicht. Wie alt war sie? Sechzehn? Höchstens siebzehn.

Nicht hat mich jemals mehr interessiert als der menschliche Körper. Seine Reaktionen, Reflexe der dumpfe Instinkt des Überlebens. Der röchelnde Atemn, der durch zugedrückte Luftröhren rasselt. Das stockende Geräusch, wann man locker lasst und dann mit aller Kraft wieder zudrückt. Haut aus Fingern und Handrücken aufschneiden und die weißen Sehnenbündel neben dem Muskelgewebe liegen sehen. Zu beobachten, wie die Finger zucken, wenn man seine Nägel in die Muskelstränge gräbt.
Nichts ist schöner als das Gefühl von Macht über einen anderen Körper.

Gesellschaft

Ich bin so künstlisch und falsch wie eine Hochzeitstorte
Bin pures Plastik, Organe aus Silikon.
Bin die perfekte Mensch-Verkörperung
Bin politisch korrekt

Ich bin das gesellschaftliche Wrak.
Ich hab nichts in mir.
Ich kann koksen und kotzen,
Kann meinen Körper missachten mich zur Vollendung treiben

Ich bin jungfräulich verbraucht
Bin gefangen in der Türschwelle zwischen Leben und dem geistigen Tod
Da ist ein Traum in diesem Trauma
Schieß! Schieß, du Arschloch!

Marseillaise

Der morgendliche Frühlingsnebel kroch aus dem Hafen in die Innenstadt. Hauchdünn legte er sich um die Kirchtürme und Buntglasfenster und zog so tief, dass sogar die Straßen rutschig wurden.
Bernat ging durch die Straßen auf die noch geschlossenen Stände des Markplatzes zu, den Kopf voll mit den Erinnerungen an alkoholische Unmengen und Frauen ohne Oberteile. Der Wind wehte kalt durch seine Kleider und er zog den Mantel enger um seine schmalen Schultern.
Obwohl es schon April war, war es immer noch kalt, besonders am Morgen. Und wenn man des Nächtens durch die Alleen ging, oder stolperte, je nach Höhe des Alkoholspiegels, konnte man auch die Kirsch- und Kastanienbluten in ihren Eiskleidern auf den Bäumen stehen sehen.
Er schlug seinen Weg nach rechts ein und wanderte zum Ursprung des Nebels, dem Hafen. AM Himmel folgten ihm die Möwen und die Sonne stahl sich fahl und blass in sein Blickfeld

Als ich jung war

Das Universum rauscht an den Fenstern vorbei. In der Dunkelheit sehe ich deine Augen nicht, sehe nicht, wie sie mich durchdringen, verschlingen.
mich von dir stoßen
und mich wieder ein deine warmen Arme werden.
ich spüre nur deine Hände.
Deinen rauen Atmen, der mir die Luft raubt. So das ich nur still liegen und genießen kann. Deine Brust pulsiert an meinen Lungen und alles was ich fühle ist Freiheit im Gefängnis deiner dumpfen Herzschläge.
Deine Finger spielen mit meinen Haaren und ich schreie, schreie mit aller Kraft mit all meiner Liebe und meiner sinnlos, unbegründeten Wut
JEZT KÜSS MICH DOCH!
schreie leise..
so leise, dass nur ich es höre.
Schrei in meinen Gedanken und .. belasse es dabei. 
Bruce Willis brüllt aus den Fernsehlautsprechern in meine Gedanken, reißt mich aus meinen Wunschträumen.
Ich schaue dich an.
Du schaust mich an
ich greife nach deiner Hand und verschlinge meine Fingern in deinen. Ich lächle weil du nicht aufhörst mich anzuschauen
starre zurück
starre dir direkt in die Augen. Starre ins Nichts, ins heilige Nirvana. Starre auf deine Lippen und brülle, brülle mit aller Kraft, mit all meiner Liebe und meiner sinnlos, unbegründeten Wut
JETZT KÜSS MICH DOCH
brülle leise..
so leise, dass nur ich es höre
Brülle in meinen Gedanken und .. belasse es dabei
Du hast eindeutig zu viel getrunken und stehst, über ein Blumenbeet gebeugt, da, um deinen Mageninhalt zu verspritzen. Ich halte deine wunderschönen dunklen Haare und starre die Blumen an, die in einem Meer aus orange und rot ertrinken. 
Du drehst dich zu mir um, wischt dich in deinen Ärmel und lachst mich an als ob nichts wäre.
Du streichst meine Haare beiseite und fängst mich ein mit deinen ewig freien Augen. Nimmst mein Gesicht in deine Hände und küsst mich. Küsst mich lange und feucht und warm und ich schmecke Magensäure und Zigaretten und denke mir…

Miniatur Sammlung

Der blaue Vogel reckt seinen Kopf in die derbe Kälte des Morgens.
Eisregen umfängt ihn und die Nebelschwaden nehmen ihm jede Sicht.


Mit seiner Zigarette zerstört er den Geruch der an diesem Tag die Luft erfüllt und als sie ins Licht tritt lässt sie Sonne ihre Pupillen kleiner werden.


Vollkommen durchfroren wachte er auf. In der Straße neben ihm ging die Sonne auf un als er so in der güldene Licht starrte, das Flammen über das ruhige Wasser schickte, erinnerte das ihn an alles, was er im Leben verpasst hatte.
Die Geburt seiner Tochter, das erste Lächeln. Der zwanzigste Geburtstag seiner Freundin, der Kaugummi für seine erste Liebe, das Sterben seiner Großmutter.

Kurzer Einschub II

Ich liebe es, wenn ich auf dir sitze; im Halbdunkeln.
Wenn ich mich zu dir hinunter beuge. Wenn ich meine Lippen auf deine drücke.
Du bist so schön wenn ich dich küsse, mein Prinz.

Manie

Das Motorrad knattert. Das Land um sie fliegt wie in Fetzen an ihnen vorbei. 
Gelb. Grün. Weiß. Blau. Rot.
Der Wind wird uns tragen. Der Wind wird und fort tragen, weit in die Welt. 
Sie lachen und haben Tränen in den Augen. C´est la manie. Le manie de vie.
Und sie schreien sich die Seele aus dem Leib. Die Liebe in den Himmel, in den Wind, in die Welt.
Aus dem Herzen, aus dem Blick. Oder wie man sagt

Schmuck und Asche

Schmuck und Asche
bist du taub?
Schmuck und Asche,
Erde, Staub.

Die Natur,
sie gibt und nimmt.
Es ist die Natur,
die immer gewinnt.

Warme Sonne
kaltes Eis.
Feuchte Küsse,
nasser Schweiß.

Schmuck und Asche,
bist du blind?
Es ist die Natur,
die alles nimmt.

Ekstase

Im Raum ist es heiß und stickig. Er ist gefüllt mit Leidenschaft – beinahe kann man sie greifen. Im Klang der Musik fliegen sie davon. Mama Merkur. Seine Hände greifen in ihre Nacken, die Finger verfangen sich in den dichten Locken, deren Duft bei jeder Umdrehung aufgewirbelt wird. wie im Fieber tanzen sie, um sie herum ist nichts. Der Wein hat sie trunken gemacht. Sie lachen und ihre überhitzten Körper kommen einander immer näher. Sie spüren die Wärme des anderen. Immer wilder und wilder wird ihr Tanz, immer schneller drehen sie sich. Der Alkohol lässt sie schwindeln. Im dumpfen Schein der Fakeln küsst er ihren Hals, packt die bei den Hüften und hebt sie auf den Tisch. Ihre Schenkel schließen sich um seinen Körper. Sein Atmen ist heiß und dringt durch ihr haar, ihr duftendes Haar.
Sie schmeckt nach Freiheit und Versuchung.
Vor allen anderen geben sie sich einander hin, deren Rufe in der Musik und dem Alkohol untergehen

Vergessen

Ich habe vergessen wie es ist,

Wie Luft schmeckt,

Wie regen riecht.

Habe vergessen wie es ist, seine Finger in dunkles klares, Wasser zu tauchen.

Vergessen wie man lacht.

Vergessen wie es sich anfühlt, wenn die Muskeln sich dehnen,

Wenn man läuft,

Durch nasses Gras,

Durch grüne Wälder.

Ich habe vergessen wie es ist zu weinen,

Aus Freude.

Wie es ist, wenn man glücklich ist.

Habe vergessen, wie es außerhalb dieser weißen Wände ist.

Hinter den Gitterstäben

Dort wo die Welt anfängt,

Hinter den Spiegeln,

In denen man sich selbst nicht wieder erkennt.

Wie ist es, zu lachen?

Wie ist es, Freudentränen auf der Wange zu spüren?

Wie ist es, zu berühren?

Wie ist es, zu lieben?

©